Florian Koehler



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Verzurrte Welt

Heiko Herrmann und das Kollektiv Herzogstraße

30. April - 3. Oktober 2016


Verzurrte Welt

Heiko Herrmann und das Kollektiv Herzogstraße

30. April - 3. Oktober 2016

Heimrad Prem nannte es schlicht „Riskantes Abenteuer“, und er bezeichnete damit sowohl das Malen in der Gruppe auf ein und derselben Bildfläche als auch das kollektive In­einandergreifen von Individuen im Prozess der ständigen Auseinandersetzung als „Künstlergruppe“. Freiwillige und gesuchte, zumeist zeitlich begrenzte Zusammenschlüsse von Künstlern sind ein Phänomen, das die Kunst der letz­ten 120 Jahre nicht nur maßgeblich bestimmt, sondern bis heute auch als „Gegenentwurf“ zum Einzelgenie nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Waren es meist junge, fast durchwegs männliche Künstler, die sich zeitweise „ver­brüderten“, um sich als Einzelne in der Gruppe zunächst im kleinen Kreis klarer zu orientieren und um sich dann gemeinsam ins große Ganze der Kunst und ihrer Tradition einschreiben zu können, so bestimmten ab den 50er Jahren zwei Dutzend Kollektive die Situation in Europa, von denen CoBrA (Jorn, Constant, Dotremont, Appel, Alechinsky) als „Internationale des artistes expérimentaux (IAE)“ für die experimentelle Kunst zu einem wichtigen Bezugspunkt werden sollte. Mit dem Blauen Reiter (Kandinsky, Marc, Klee, u.a.) hatte es in München zu Beginn des 20. Jahrhun­derts schon eine europaweit ausstrahlende „Künstlerverei­nigung“ gegeben, so dass Helmut Sturm, als er mit Heim­rad Prem, Lothar Fischer und H.P. Zimmer 1958 die Gruppe SPUR ausrief, durchaus verschiedene Anknüpfungspunkte hatte. Dass die der „Neuen Figuration“ wie dem Geflecht zugewandte „kollektive Produktion“ alles beinhalten kann – Versprechen ebenso wie Fallstricke – war Heimrad Prem und Helmut Sturm deshalb allzu bewusst, als sie im Novem­ber 1975 in Ottersberg, unterstützt von Künstlern einer jün­geren Generation, nämlich Jutta von Busse und Armin Saub, das „neue“ riskante Abenteuer ins Auge fassten.

Zum Kollektiv Herzogstraße wird die bis dahin noch lose Gruppe, der inzwischen Hans Matthäus Bachmayer, Bild­hauer-Maler der Gruppen WIR und Geflecht, ebenso wie die eine Generation jüngeren Thomas Niggl, Rânebach (damals Renate Bachmayer), Diri (Dieter) Strauch, Ursula Strauch- Sachs, Dietrich Bartscht, Heiko Herrmann und Heinz Weld angehören, im Hochsommer 1976 in Südschweden. Dort hatte man sich auf dem weitläufigen Gelände des „Bauhaus Situationiste“ einquartiert, dem Einödhof der Künstler Lis Zwick und Jørgen Nash, der den verheißungsvollen Namen Drakabygget (Drachenhof) trägt und von dem aus schon seit den frühen 60er Jahren irritierende Impulse für die künstlerischen Szene Skandinaviens ausgegangen waren. Schon hier, im ersten Sommer – gut einge­richtet im vermeintli­chen Paradoxon zwi­schen Spontaneität und Konzentration – schafft das Kollektiv Herzogstraße seine ersten fulminanten, großformatigen Bil­der und Bilderfolgen. Über Wochen entstehen hier unablässig jene „Gemein­schaftswerke“, an denen die „gesellschaftliche Indentifizie­rungsmaschine abrutscht“ (Florian Rötzer) und in denen der Einzelne mit seinen individuellen Setzungen im Geflecht der Gruppe aufgehen kann. Das Kollektiv Herzogstraße entwickelt für seine Bilder das Prinzip der „Reuse“, eine Metapher aus dem Fischfang, jenes halb durchlässige Ver­fahren, durch das „Alles“ hindurchfließt, was vorbeikommt und nur manches als „nützlich“ hängen bleibt. Ganz der Idee verschrieben, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler. Eine „Ordnung des Heteroge­nen“ bilden die gemeinschaftlich geschaffenen Kunstwerke fast wie von selbst, eine quasi „natürliche“ Aufhäufung von Bildinformationen, wo durch Unterschiebung und Überla­gerung im Prozess eine Malerei entsteht, die als „Verzurrte Welt“ für kurze Momente sogar in einer weiterführenden Assoziationskette gipfeln kann. Als Heiko Herrmann 1980 ein Bild mit diesem Titel malt, sind die Individualisten des Kollektivs schon längst wieder verstärkt auf eigenen Pfaden unterwegs, treffen sich nur noch gelegentlich (inzwischen in der Barer Straße), finden sich aber für Außenauftritte in gewohnter Frische wieder zusammen. Mit der Idee einer „Begehbaren Malerei“ – raumgreifenden Environments – die die Zuschauer unmittelbar ins Bildgeschehen miteinbe­zieht, gelingt dem Kollektiv Herzogstraße in den frühen 80er Jahren noch ein weiterer, ganz eigener Beitrag zum längst ausgerufenen „Hunger nach Bildern“. Den können sie stillen – bis heute. Zu Beginn der 90er Jahre nimmt Heiko Herrmann das Prinzip des „Kollektivs auf Zeit“ erneut ins Visier und veranstaltet seitdem die Pertolzhofener Kunstdingertage in jährlich wechselnder Besetzung. Auch dort lebt die Tradition der Utopie fort, den postulierten Spalt, die Trennung von Kunst und Leben in einem überraschenden Miteinander zumindest für einen kurzen Moment in der Zeit aufzulösen. Heiko Herrmann – einst jüngster Mitspieler des Kollektivs Herzogstraße – entwickelt auch aus dieser Erfahrung in den nächsten drei Jahrzehnten ein eigenständiges malerisches Werk, das Ausflüge in die „Eisenplastik“, in frei stehende Tonfiguren und durch Literatur getriebene Bildserien selbstverständlich einschließt. Es ist eine Möglichkeit, Dauer, Wiederholung und Versuch als genuin künstlerische Methoden weiterzuentwickeln, ohne das Erbe des „Riskanten Abenteuers“ je zu verleugnen.

Eine Begleitbroschüre zur Ausstellung, herausgegeben von Axel Heil, ist über den Museumsshop erhältlich.

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Profile in der Kunst am Oberrhein:
Sieglinde Bölz | Beate Knapp

17. März - 3. Juli 2016

Das verbindende Element der Malerei von Sieglinde Bölz und Beate Knapp sind die intensive Farbigkeit und die Leuchtkraft, welche die Arbeiten prägen. Die den beiden Künstlerin­nen jeweils eigene gestische Malfaktur ist dabei in einer Jahrzehnte währenden konsequenten Entwicklung selbstständig gebundener Bildsysteme vorangeschritten, hin zu einem eher ungegenständlich informellen Ausdrucksgehalt. Stand zu Beginn der 1980er Jahre die Figuration noch im Mittelpunkt des Interesses, lösten sich beide Malerinnen rasch von der eigent­lichen Darstellung des menschlichen Körpers, bewahrten aber dennoch zugleich beharrlich den Menschen als Bezugspunkt ihrer Arbeit. Grundkonstellationen individueller Existenz und menschlichen Handelns erscheinen nun in Form von Bewe­gungsspuren in Abwesenheit ihrer Urheber. Bald tauchen sie als unmittelbare malerische Indizien in Gestalt der vom Menschen in alltäglichem Gebrauch verwendeten Dinge auf, bald zeichenhaft übertragen in geistig-philosophische Raumpläne allgemeingültiger geometrischer oder ornamentaler Chiffren, immer aber auf dem jeweils eigenen Weg in die Farbe.

In den konzeptionell geprägten Arbeiten von Sieglinde Bölz (geb. 1957 in Ravensburg, lebt in Karlsruhe) verschränken sich zwei vorgeblich völlig entgegengesetzte Bildebenen. Die tieferliegenden Malschichten sind in ein organisch fließendes Anwachsen entgrenzt. Dieses wird wiederum von streng geometrisierenden, in Primärfarben gehaltenen wellenförmigen Linien überlagert, die den gekrümmten Raum verkörpern. Diese mäandrierenden Wegebilder können mit ihren oszillierenden Linienschwingungen durchaus in Analogie zu filmischen Bewegungsstudien eigener körperlicher Erfahrung gesehen werden, ausgelöst beispiels­weise durch die ausgedehnten Fahrradreisen von Sieglinde Bölz. Die so entstehende Tiefenräumlichkeit wird zusätzlich verstärkt, indem das archetypische Motiv des Labyrinthes in die umfänglichen Werkzyklen einbezogen wird, das auch für die kunsttheoretischen Untersuchungen der Malerin von zent­raler Bedeutung ist. Auf diese Weise entstehen in sich geschlos­sene Farbarchitekturen, die elementare Ordnungsprinzipien vom konkret Sichtbaren der Einzelform (etwa des Kreises) ins allgemein Kosmische erweitern.

Beate Knapp (geb. 1952 in Reutlingen, lebt in Achern) ist dagegen mit dem Aufstand der Dinge befasst. Im Spannungs­feld zwischen vitaler Dynamik und bedrohlicher Konfusion entwickeln diese auf der Leinwand ein Eigenleben, das Farbe und Malspur zum Vibrieren bringt. Gegenstände jedweder Art – Kannen, Kameragehäuse, Kleidungsstücke, Handtaschen – stellen hier Metaphern gelebten Lebens und biografische Fetische vor, die die Existenz des Besitzers mühelos zu überdauern ver­mögen. All diese vermeintlich so leblosen Dinge sind von ihren jäh ins Dunkel geweiteten Öffnungen und losen Verschlüssen bestimmt, die wie Okulare die unbändige Sehlust der Malerin nahezu spürbar zu verkörpern imstande sind. Andererseits führt die malerische Einzelstellung von technischen Geräten wie Schreibmaschinen, Sägen und Schraubern vor Augen, wie die individuelle Autonomie des Menschen beständig gefährdet ist durch scheinbar selbstermächtigte Maschinen, deren unaufhörlich ratternde Typen und schrill kreischenden Sägeblätter die Grenzen der Beherrschbarkeit längst überschritten haben.

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Sonderprojekt Gerd Weismann: Final Station - Endstation

30. April - 3. Oktober 2016

Menschen, Lebewesen, Abfall - Gerd Weismann setzt sich in seinem Projekt "Final Station - Endstation" künstlerisch mit der Verwertung von Abfällen auf Mülldeponien auseinander. Er zeigt Analogien auf zwischen dem Umgang der Gesellschaft mit ausgeschiedener Materie und Lebewesen, Menschen sowie Tieren: erstere auf der Flucht, unwillkommen, nicht mehr gebraucht; letztere zu reiner Massenware degradiert, unter unwürdigen Verhältnissen aufgezogen und schließlich geschlachtet. Die Gesellschaft scheidet Lebewesen ebenso gleichgültig aus wie Abfall, verwertet nach Bedarf oder schiebt ab, entsorgt. Mit der Kamera begibt sich Weismann auf eine Spurensuche dieser Endstationen, dringt in die Tiefe, enthüllt den Bodensatz der menschlichen Kultur in den großen Halden am Rande der Zivilisation.

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