Florian Koehler



Aktuelle Ausstellungen


Verzurrte Welt

Heiko Herrmann und das Kollektiv Herzogstraße

30. April - 3. Oktober 2016


Profile in der Kunst am Oberrhein
Werner Ewers | Patrick Le Corf

14. Juli - 6. November 2016

Gerd Weismann

Final Station - Endstation

30. April - 3. Oktober 2016


Profile in der Kunst am Oberrhein

Werner Ewers | Patrick Le Corf

14. Juli - 6. November 2016

Die Reihe „Profile der Kunst am Oberrhein“ benennt einen Kulturraum, der sich nicht durch Linien begrenzen lässt. Der Rhein hat zwei Ufer, trennt aber nicht nur Länder, sondern verbindet sie auch. Mitunter stehen am Ende der binationalen Verbindungen auch überraschende Pointen. So wie bei dem in Kehl lebenden Bildhauer Werner Ewers, der von Anbeginn seiner Karriere an starke Verbindungen nach Frankreich hielt, und dem aus der Bretagne stammenden Maler Patrick Le Corf, der im badischen Bühl lebt, aber die atmosphärische Topografie seiner Heimat auch am lieblichen Oberrhein bewahrt. Kennengelernt haben sich die beiden Künstlerfreunde auf der bretonischen Insel Groix.

Werner Ewers, 1941 in Kehl geboren, erhielt seine künstlerische Ausbildung zu Beginn der 1960er Jahre zunächst an der Ecole municipale des arts décoratifs in Straßburg, später an der Stuttgarter Kunstakademie. Erst 1983 widmete er sich der Bildhauerei – und seine Vorliebe für grafische Strukturen ist heute noch erkennbar. Gerne beschäftigt sich der Künstler mit dem Dialog zweier Materialien und macht daraus ein Zwiegespräch zwischen dem Gewachsenen und dem Konstruierten. Diese grundsätzliche abstrakte Problemstellung eröffnet eine Welt formaler und inhaltlicher Assoziationen: Spielarten des Regelhaften zügeln, umschließen oder ergänzen gewachsene Formen oder vorgefundene Strukturen. Werner Evers liebt den Schiefer, „Man muss sehr zärtlich mit ihm umgehen, ein falscher Schlag und er zerspringt. Es ist ja ein organisches Material, das riecht man, und es kann Wärme speichern.“ Der bevorzugte Dialogpartner, das Pappelholz, wird nicht nur dank bildhauerischer Eingriffe künstlerisch gefügig gemacht, sondern ergänzt auch als roher Block die gestaltete Form. Nicht zuletzt inspiriert der haptische Reiz seiner Materialien den Künstler; er hilft ihm auch, dem Betrachter seine Kunst im Wortsinn „begreifbar“ zu machen.

Patrick Le Corf wurde 1950 in Enghien-les-Bains geboren und erhielt seine künstlerische Ausbildung in der bretonischen Hafenstadt Lorient und an der Ecole Nationale des Beaux-Arts in Paris. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Familie im badischen Bühl und auf der Insel Groix. Die Weite des Meeres, das ständig wechselnde Licht, die vom Winde verwehte Welt, die keinen Blick mehr auf das Detail zulässt, sind Inspirationsquellen, die sein Werk seit Jahrzehnten speisen. Dabei geht es ihm nicht um die Naturnachahmung – „ich male sie nicht ab, sondern betrachte sie, lasse mich von ihr einnehmen“ – sondern um die Schaffung einer parallelen künstlerischen Welt, die mit dieser Erinnerung spielt. Le Corfs Meer riecht nicht nach Salz oder Seetang, sondern nach Öl. Das Sfumato seiner bewusst eingegrenzten Palette reflektiert brillant das flirrende, diffuse Licht, das am Horizont die Elemente übergreift und in das sparsame Kulissen der Realität – Mauern, Masten oder industrielle Ruinen - eingepflockt sind. Die bewusst theatralische Inszenierung einer Vision erscheint als Ziel der Malerei von Patrick Le Corf  –  und die bretonische Insel Groix als Geburtshelfer zweier unterschiedlicher Kunstformen.


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Verzurrte Welt

Heiko Herrmann und das Kollektiv Herzogstraße

30. April - 3. Oktober 2016

Heimrad Prem nannte es schlicht „Riskantes Abenteuer“, und er bezeichnete damit sowohl das Malen in der Gruppe auf ein und derselben Bildfläche als auch das kollektive In­einandergreifen von Individuen im Prozess der ständigen Auseinandersetzung als „Künstlergruppe“. Freiwillige und gesuchte, zumeist zeitlich begrenzte Zusammenschlüsse von Künstlern sind ein Phänomen, das die Kunst der letz­ten 120 Jahre nicht nur maßgeblich bestimmt, sondern bis heute auch als „Gegenentwurf“ zum Einzelgenie nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Waren es meist junge, fast durchwegs männliche Künstler, die sich zeitweise „ver­brüderten“, um sich als Einzelne in der Gruppe zunächst im kleinen Kreis klarer zu orientieren und um sich dann gemeinsam ins große Ganze der Kunst und ihrer Tradition einschreiben zu können, so bestimmten ab den 50er Jahren zwei Dutzend Kollektive die Situation in Europa, von denen CoBrA (Jorn, Constant, Dotremont, Appel, Alechinsky) als „Internationale des artistes expérimentaux (IAE)“ für die experimentelle Kunst zu einem wichtigen Bezugspunkt werden sollte. Mit dem Blauen Reiter (Kandinsky, Marc, Klee, u.a.) hatte es in München zu Beginn des 20. Jahrhun­derts schon eine europaweit ausstrahlende „Künstlerverei­nigung“ gegeben, so dass Helmut Sturm, als er mit Heim­rad Prem, Lothar Fischer und H.P. Zimmer 1958 die Gruppe SPUR ausrief, durchaus verschiedene Anknüpfungspunkte hatte. Dass die der „Neuen Figuration“ wie dem Geflecht zugewandte „kollektive Produktion“ alles beinhalten kann – Versprechen ebenso wie Fallstricke – war Heimrad Prem und Helmut Sturm deshalb allzu bewusst, als sie im Novem­ber 1975 in Ottersberg, unterstützt von Künstlern einer jün­geren Generation, nämlich Jutta von Busse und Armin Saub, das „neue“ riskante Abenteuer ins Auge fassten.

Zum Kollektiv Herzogstraße wird die bis dahin noch lose Gruppe, der inzwischen Hans Matthäus Bachmayer, Bild­hauer-Maler der Gruppen WIR und Geflecht, ebenso wie die eine Generation jüngeren Thomas Niggl, Rânebach (damals Renate Bachmayer), Diri (Dieter) Strauch, Ursula Strauch- Sachs, Dietrich Bartscht, Heiko Herrmann und Heinz Weld angehören, im Hochsommer 1976 in Südschweden. Dort hatte man sich auf dem weitläufigen Gelände des „Bauhaus Situationiste“ einquartiert, dem Einödhof der Künstler Lis Zwick und Jørgen Nash, der den verheißungsvollen Namen Drakabygget (Drachenhof) trägt und von dem aus schon seit den frühen 60er Jahren irritierende Impulse für die künstlerischen Szene Skandinaviens ausgegangen waren. Schon hier, im ersten Sommer – gut einge­richtet im vermeintli­chen Paradoxon zwi­schen Spontaneität und Konzentration – schafft das Kollektiv Herzogstraße seine ersten fulminanten, großformatigen Bil­der und Bilderfolgen. Über Wochen entstehen hier unablässig jene „Gemein­schaftswerke“, an denen die „gesellschaftliche Indentifizie­rungsmaschine abrutscht“ (Florian Rötzer) und in denen der Einzelne mit seinen individuellen Setzungen im Geflecht der Gruppe aufgehen kann. Das Kollektiv Herzogstraße entwickelt für seine Bilder das Prinzip der „Reuse“, eine Metapher aus dem Fischfang, jenes halb durchlässige Ver­fahren, durch das „Alles“ hindurchfließt, was vorbeikommt und nur manches als „nützlich“ hängen bleibt. Ganz der Idee verschrieben, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler. Eine „Ordnung des Heteroge­nen“ bilden die gemeinschaftlich geschaffenen Kunstwerke fast wie von selbst, eine quasi „natürliche“ Aufhäufung von Bildinformationen, wo durch Unterschiebung und Überla­gerung im Prozess eine Malerei entsteht, die als „Verzurrte Welt“ für kurze Momente sogar in einer weiterführenden Assoziationskette gipfeln kann. Als Heiko Herrmann 1980 ein Bild mit diesem Titel malt, sind die Individualisten des Kollektivs schon längst wieder verstärkt auf eigenen Pfaden unterwegs, treffen sich nur noch gelegentlich (inzwischen in der Barer Straße), finden sich aber für Außenauftritte in gewohnter Frische wieder zusammen. Mit der Idee einer „Begehbaren Malerei“ – raumgreifenden Environments – die die Zuschauer unmittelbar ins Bildgeschehen miteinbe­zieht, gelingt dem Kollektiv Herzogstraße in den frühen 80er Jahren noch ein weiterer, ganz eigener Beitrag zum längst ausgerufenen „Hunger nach Bildern“. Den können sie stillen – bis heute. Zu Beginn der 90er Jahre nimmt Heiko Herrmann das Prinzip des „Kollektivs auf Zeit“ erneut ins Visier und veranstaltet seitdem die Pertolzhofener Kunstdingertage in jährlich wechselnder Besetzung. Auch dort lebt die Tradition der Utopie fort, den postulierten Spalt, die Trennung von Kunst und Leben in einem überraschenden Miteinander zumindest für einen kurzen Moment in der Zeit aufzulösen. Heiko Herrmann – einst jüngster Mitspieler des Kollektivs Herzogstraße – entwickelt auch aus dieser Erfahrung in den nächsten drei Jahrzehnten ein eigenständiges malerisches Werk, das Ausflüge in die „Eisenplastik“, in frei stehende Tonfiguren und durch Literatur getriebene Bildserien selbstverständlich einschließt. Es ist eine Möglichkeit, Dauer, Wiederholung und Versuch als genuin künstlerische Methoden weiterzuentwickeln, ohne das Erbe des „Riskanten Abenteuers“ je zu verleugnen.

Eine Begleitbroschüre zur Ausstellung, herausgegeben von Axel Heil, ist über den Museumsshop erhältlich.

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Sonderprojekt Gerd Weismann: Final Station - Endstation

30. April - 3. Oktober 2016

Menschen, Lebewesen, Abfall - Gerd Weismann setzt sich in seinem Projekt "Final Station - Endstation" künstlerisch mit der Verwertung von Abfällen auf Mülldeponien auseinander. Er zeigt Analogien auf zwischen dem Umgang der Gesellschaft mit ausgeschiedener Materie und Lebewesen, Menschen sowie Tieren: erstere auf der Flucht, unwillkommen, nicht mehr gebraucht; letztere zu reiner Massenware degradiert, unter unwürdigen Verhältnissen aufgezogen und schließlich geschlachtet. Die Gesellschaft scheidet Lebewesen ebenso gleichgültig aus wie Abfall, verwertet nach Bedarf oder schiebt ab, entsorgt. Mit der Kamera begibt sich Weismann auf eine Spurensuche dieser Endstationen, dringt in die Tiefe, enthüllt den Bodensatz der menschlichen Kultur in den großen Halden am Rande der Zivilisation.

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