Florian Koehler



Aktuelle Ausstellungen


PANORAMA

Imagination und Sprache. Schlüsselwerke der Sammlung Hurrle

15.Oktober 2016 - 23. April 2017


Profile in der Kunst am Oberrhein
Markus Gadient | Mireille Gros

17. November 2016 - 12. März 2017


PANORAMA

Imagination und Sprache. Schlüsselwerke der Sammlung Hurrle

15. Oktober 2016 - 23. April 2017

Schlüssel zu den Toren der Wahrnehmung

La langue et l’imagination (Imagination und Sprache) ist ein Bild des dänischen Künstlers Asger Jorn aus dem Jahr 1960. Es ist nicht nur ein Schlüsselbild in der Sammlung Hurrle, sondern gibt auch zugleich das Programm der Ausstellung Panorama vor. Die (künstlerische) Sprache und die (visionäre) Vorstellung sind die Grundkonstanten eines Werks – auf sie will die Ausstellung die Aufmerksamkeit lenken.

Ein Schlüsselbild ist der Definition nach ein besonderes Bild, ein Bild, mit dessen Hilfe sich ein größerer Zusammenhang erschließt oder das an einer Schnittstelle steht, einen Umbruch oder eine Neuorientierung aufzeigt. Schlüsselbilder kann es in der Werkentwicklung eines einzelnen Künstlers oder einer Künstlerin oder einer Künstlergruppe, aber auch für eine bestimmte Zeit, einen Ort oder eine Region geben. Gemeinsam ist diesen ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, dass das als Schlüsselbild qualifizierte Kunstwerk Charakteristika vorangehender Arbeiten mit neuen Merkmalen verbindet, die sich im Weiteren als bedeutsam für zukünftige Entwicklung der Kunst erweisen werden.

Schlüsselbilder stehen damit nicht nur immer zwischen Gestern und Morgen, sondern gewinnen ihre besondere Stellung auch stets erst im Rückblick also in der Rezeption. An die Seite der Wahrnehmung durch die Betrachter tritt hier – und in diesem Fall von noch größerer Bedeutung – die künstlerische Auseinandersetzung. Im weitesten Sinne könnte man sagen, dass sich in Schlüsselbildern ein Zeitgeist manifestiert. Schlüsselbilder sind die Herzstücke einer Sammlung. Sie verraten nicht nur viel über die Struktur und den Aufbau einer Sammlung, sondern geben wie ein Kompass zugleich die Richtung für zukünftige Neuerwerbungen vor. Indem sie über sich selbst hinausweisen, bieten sie sich als ideale Ausgangspunkte für eine Sichtung des Bestands an, bei der das Einzelwerk in einen größeren Kontext gestellt und ein Panorama eröffnet wird.

In der Sammlung Hurrle gibt es einige Schlüsselbilder. Zehn davon haben wir für Sie ausgesucht. Jedes stellen wir Ihnen in einem eigenen Panorama vor, das visuelle, kunsthistorische und künstlerische Verbindungen zu anderen Werken der Sammlung sichtbar vor Augen führt und so erklärt, wie ein Bild, ein Schlüssel zu den Pforten unserer Wahrnehmung sein kann.

Im Zentrum des ersten Panoramas steht das Große Paar von Horst Antes. 1963 in Rom während eines Aufenthalts in der Villa Massimo gemalt und 1966 im deutschen Pavillon auf der XXXIII Biennale in Venedig ausgestellt, ist es in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselbild. Der Maler, 27 Jahre alt, hat erst vier Jahre zuvor sein Studium bei HAP Grieshaber an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe abgeschlossen und kann bereits auf zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien zurückblicken. Sein Werk findet breite Anerkennung, weil er in der Entwicklung der Figur aus der Malerei einen ganz eigenen Weg beschreitet. Weder Abbild noch abstrahierte Form, gewinnen seine zunächst offen figuralen Formen als „körperliche Versinnlichungen“ der Malerei ab 1962 zunehmend an Festigkeit, werden zu Wesenhaftem verdichtet und durch klar gesetzte Umrisslinien vom Umraum abgehoben. 1963 tritt dann die ins Profil gesetzte Kunstfigur, der „Kopffüßler“, erstmals auf, die in den folgenden Jahren das Werk von Antes bestimmen wird. Das Große Paar, ein Mehrfigurenbild in einem imaginierten Raum, entsteht genau in diesem Moment des Übergangs. Es kann als Panorama ganz eigener Art betrachtet werden, steht doch die weibliche Figur in einem eigenen Bereich, abgetrennt durch eine Tür, während sich ihr die männliche, begleitet von symbolisch aufgeladenen kleineren Figuren, in einem durch klar abgegrenzte Farbfelder definierten offenen Raum nähert.     

In der Gegenüberstellung mit Willi Baumeisters Frau mit Tuch (1928) und Alfred Lehmanns Figuren in Waldlandschaft (um 1955), zwei ganz unterschiedlichen Beispielen für die Befreiung der Figur vom realistischen Abbild, wird die Unvergleichbarkeit zwischen abstrahierter Figur und Kunstfigur umso deutlicher. Die „neue Figuration“, von einer jungen Generation ab Ende der Fünfzigerjahre und in Abgrenzung von der „Weltsprache Abstraktion“ entwickelt, verändert den Blick auf die Wirklichkeit nicht durch deren Umsetzung ins Bild, sondern schafft eine neue Bildwirklichkeit, die eigenen Gesetzen folgt und in der Figur und Raum sich gegenseitig bedingen und bestimmen. So reduziert etwa Reinhold Heller in seinem Autobild (1965/1967) die Figur auf das Profil eines Kopfes, der nur als blaue Farbfläche erscheint und zunächst gar nicht ins Auge fällt, da die Aufmerksamkeit von den ebenfalls nur als Formen dargestellten Autoteilen und durch die intensive Farbigkeit abgelenkt wird. Gerade darin lässt sich aber wiederum ein Hinweis auf die Entstehungszeit, die Sechzigerjahre, erkennen, in denen das Auto als technische Errungenschaft und Konsumgut zur Referenz des Menschen in Mitteleuropa wird.

Schon dieser kleine Einblick in eines der Panoramen macht ein Charakteristikum der Ausstellung deutlich: Die Grundlage für die Zusammenstellung jeder der Gruppen war es, Werke zu kombinieren, die unter einem bestimmten Aspekt vergleichbar sind oder sogar Ähnlichkeiten aufweisen. Aber das damit verfolgte Ziel liegt geradezu im Umkehrschluss darin, die Differenzen schärfer herauszuarbeiten. Entscheidend sind die Brüche. Erst in der Zusammenschau und direkten Konfrontation mit den Bildern wird sehend nachvollziehbar, worin die Unterschiede tatsächlich liegen und welche Entscheidungen – vorab oder im Schaffensprozess getroffen – letztlich das Resultat bestimmen. Vorgeschlagen wird also eine Betrachtungsweise, die das Kunstwerk selbst in den Mittelpunkt rückt. Kunsthistorische Stilbegriffe oder Kategorien sollen den Blick nicht einschränken, sondern werden vielmehr zur Diskussion gestellt und können gerade dadurch mit Leben erfüllt werden.


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Profile in der Kunst am Oberrhein

Markus Gadient | Mireille Gros

17. November 2016 - 12. März 2017

Die Reihe „Profile der Kunst am Oberrhein“ richtet den Blick mit der Ausstellung von zwei Schweizer Künstlern nunmehr auf den südlichen Teil des Rheintals:

Markus Gadient (*1958, lebt und arbeitet in Basel)
Es gibt sie wirklich. Die knorrigen Bäume mit den gezackten Ästen, die im Zentrum von Markus Gadients Zyklus „Wildenstein“ stehen, gehören zu einem mittelalterlichen Eichenhain in der Nähe von Bubendorf im Kanton Baselland. Er ist einer der letzten seiner Art und um die 500 Jahre alt. Die ersten Bilder des Zyklus malte Markus Gadient Anfang der 90er Jahre unmittelbar vor Ort, später dann im Atelier. Seine Wahrnehmung ist mit diesen Bäumen gewachsen. Diese Bäume sind das Thema des Basler Künstlers geworden, die er Motiv um Motiv variiert, und vielleicht hat diese beständige Beschäftigung mit den Eichen auch etwas mit der Demut vor ihrem Alter zu tun. Markus Gadient, der überwiegend in Öl malt, leuchtet sie auf seinen Bildern derart grell aus, als seien sie von David Lynch erdacht. Den Gegenpol zu diesen toxisch-bunten Farben bilden seine Grisaillen.
Nur weil sich der Maler mit der Natur befasst, muss dies nicht in die Idylle führen. Tatsächlich verbindet sich in Markus Gadients Bildern Abstraktion mit einer sehr eigenwilligen Auffassung von Landschaftsmalerei. Denn der Künstler übermalt am Ende die Bilder: Kreise, unregelmäßige Farbflächen und Schlieren ziehen sich über die Motive. Markus Gadients Werk steht für eine sehr zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Sichtbaren. Damit deutlich wird, dass wir es hier nicht mit der Natur, sondern mit dem „Echoraum“ der Malerei zu tun haben.

Mireille Gros (*1954, lebt und arbeitet in Basel)
Wenn Mireille Gros aus dem Fenster ihres Ateliers schaut, sieht sie den Rhein. Nicht immer ist er ein ruhiger Fluss, und wer dieses lebendige Band vor Augen hat, lernt etwas über die Natur der Linie. Dass man sich von ihr woanders hin treiben lassen kann, dass sie verschiedene Geschwindigkeiten haben und sich ändern kann. Reisen war immer wichtig für die Basler Künstlerin, erst ging es nach Westafrika, dann nach China. Mireille Gros eignet sich nicht nur das Sichtbare an - sie sucht die Kultur zu verstehen. Das bleibt nicht ohne Einfluss auf ihr Werk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Mireille Gros Malerei und Zeichnung verbindet, wird auch dadurch gestützt, dass im Chinesischen zwischen Malen und Zeichnen nicht unterschieden wird.
Ihre Serie „Time Line“ ist von großer formaler Freiheit, auch wenn die Hängung der strengen Ordnung der Linie folgt. Die Linie ist ein Zeitstrahl, und zugleich lassen sich an den von ihr verwendeten Wabenkartons die verschiedenen Schichten des Entstehungsprozesses ablesen. Mireille Gros malt nicht nach der Natur – obwohl diese für sie ein wichtiges Thema ist – sie schafft Natur. Manchmal erfindet sie Pflanzen, um dem Verschwinden der Arten etwas entgegen zu setzen. Manchmal erkennt sie in ihrem Wachstum eine innere Natur. Für das „durbach skript“ hat sie sich von den Weinbergen gegenüber dem Museum zu einer Wandinstallation inspirieren lassen, die die Anordnung der Rebstöcke in eine rhythmische Notation übersetzt und die ältere und neue Zeichnungen und Bilder vereint.


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